Ohne die SMV bleibt die Piratenpartei handlungsunfaehig und wird undemokratisch
# tltr:
Die Piratenpartei ist seit Jahren handlungsunfähig, da sie keinerlei funktionierende Entscheidungsstruktur für ihre politische Ausrichtung besitzt. In der Folge verbrennen sich die Mitglieder und Funktionsträger in endlosen blutigen Streitereien, die nie von irgendwem entschieden werden (können). Wir sind das Heise Forum ohne Moderator, oder das sadistische 4chan Board ohne automatische Löschfunktion.
Aus meiner Sicht haben wir als Partei an diesem Wochenende das letzte Mal die Chance das Ruder rumzureißen und mit der Einführung einer verbindlichen Abstimmungssoftware unser Demokratie-Experiment zu retten, bevor es sich selbst auflöst.
Wie im Dilirium glauben einige von uns an die Fatamorgana namens “Basisdemokratie” und verbrennen dabei die bisher klügste (und wahrscheinlich einzig realistisch umsetzbare) Idee für ein Demokratieupdate namens Liquid Democracy im Schornstein.
Eine Partei, die ihren Mitglieder im Parlament jedoch keine inhaltlichen Entscheidungen mit auf dem Weg geben kann, ist imho noch weniger demokratisch als die AfD. Eine solch undemokratischen Struktur habe ich bereits in der SPD erlebt und bin 2003 ausgetreten. Falls die Piraten eine genauso undemokratische Netz-FDP wird, möchte ich dies nicht durch meine Mitgliedschaft unterstützen.
# Warum?
Die Stärke und Schwäche klassischer Parteien sind ihre Hierarchien mit dem Parteivorstand an der Spitze. In der Spitze sind die kleinen Parteivorstände, die als absolutes Machtzentren die Parteitage vertreten, während diese nicht tagen. Faktisch haben sie fast alle Macht auf sich vereint und lenken sie die Parteien. Bei falscher Besetzung - oft mit fatalen Folgen - wie man an der SPD gerade sieht. Die Piratenpartei wollte diese Machtkonzentration nicht - was eine gute Idee ist. Jedoch fehlt in der Satzung schlicht ein Organ, dass an die Stelle des Parteivorstands tritt. Dort gibt es _nichts_!
Ein einmal im Jahr stattfindender Programmparteitag ist keine Alternative zu einem politischen Vorstand. Eine Partei muss wenn nicht immer tagesaktuell zumindest binnen Wochenfrist auf politische Fragen reagieren können. Permanent fallen wichtige politische Entscheidungen an, hunderte allein im Wahlkampf. Immer dann wenn sich Parteivorstände oder einzelne Mitglieder aus dem Fenster lehnten, bekamen sie Shitstorms. Teilweise so heftig, dass etliche Vorstandsmitglieder verständlicherweise daran zerbrachen.
Dass ist neben der menschlichen Tragödie vor allem ein Anzeichen für einen systematischen Fehler in der Struktur der Partei, den wir NICHT lösen können, indem wir an diesem Wochenende ein paar Mitglieder in der Vorstand schicken, auf denen wir danach wieder wie Krähen herumhacken können.
# Die Lösung
Die Lösung ist, dem Parteivorstand und später unseren Abgeordneten ein Werkzeug an die Hand zu geben mit deren Hilfe sie verbindliche Positionen innerhalb der Partei abfragen können, auf die sie sich - auch zu ihrem eigenen Schutz - berufen können. (Unverbindliche Meinungsbilder sind keine Lösung, da ihre Legitimität zurecht stets angezweifelt wird und sie damit in etwa so wertvoll sind, wie gar keine Meinungsbilder.)
Diese Idee war ist dabei fast so alt wie die Piratenpartei selbst. Es war DAS demokratische Versprechen mit dem die Piratenpartei in die Öffentlichkeit getreten ist und weshalb ich und viele andere Menschen große Hoffnungen in die “Partei neuen Typs” steckten.
Zwar wurde bereits fast vom Tag eins der Parteigründung an eine Abstimmungsssoftware im Internet gedacht, die die politischen Entscheidungen des Parteivorstand übernehmen sollte, doch anno 2006 gab es eine solche Software noch nicht. Fast vier Jahre lang zerbrach mach damals in der “AG Liquid Democracy” den Kopf bis 2010 Liquid Feedback entwickelt wurde.
Zwar gelang es das Experiment zu starten, eine Verankungen in die Satzung fehlte jedoch (Ausführlich zur Geschichte siehe meine Magisterarbeit zu dem Thema), was später zur Anzweiflung der Legitimität genutzt wurde.
Diese Verankung in die Satzung gilt es an diesem WE nachzuholen.
Bereits in meiner Magisterarbeit hatte ich 2011 geschrieben:
“Für die Zukunft der Piratenpartei wird Liquid Democracy entscheidend sein. (…) Das erinnert an Zolleis. Er vermisst in der Piratenpartei ein „strategisches Entscheidungszentrum“, um verbindliche und verlässliche Entscheidungen zu treffen und sieht darin „den Keim des Scheiterns“ angelegt. Diese Auffassung teilt der Autor: Dies ist der gordische Knoten, den die Partei zu lösen hat.
Ergebnis: Das LD Experiment hat, gerade im Rahmen des Parteitags in Chemnitz, gezeigt, dass es Meinungsbildungs-prozess innerhalb der Partei unterstützten und Konflikte effizient befrieden kann. Dringend muss aber die konkret eingesetzte Software LQFB den Beta-Status verlassen, ihre Kinderkrankheiten, wie oben ausführlich dargestellt, überwinden.”
# Anregung zur Selbstreflektion
Argumentativ möchte ich nichts zur SMV ergänzen, dazu hat es genug kluge Texte gegeben, die wirklich ausführlich die vielen kolportierten Vorurteile gegenüber der SMV ausräumen.
Ich möchte jedoch einen Gedanken zur Selbstreflektion einbringen: Wenn ihr verklagt werdet, geht ihr zum Rechtsanwalt, bei Schmerzen, zum Arzt und bei ner Schwangerschaft zur Hebamme. Auch die Kontrolle von Macht in einer Partei (oder gar in einer Gesellschaft) ist ein komplexes System, dass nicht mit Pauschalansätzen wie “Dann kommen halt alle einmal zum Parteitag und alle haben eine Stimme” lösen lässt. Richter und Rechtsanwälte möchten dabei besonders gerne vorschreiben, was “geht” und was “nicht geht”. Aber: Sie sind nicht immer die beste Quelle für Empfehlungen, da sie primär gelernt haben den Status Quo zu verteidigen, anstatt über den Horizont hinaus zu schauen oder philosophisch zu denken. Richter und Juragelehrte gab es bereits zurzeit der Monarchie und sie haben damals teilweise mit dem gleichen Eifer die Demokratie für unmöglich erklärt, wie sie es heute mit der Liquid Democracy tun.
# Fazit:
-
Die SMV ist nichts neues, sondern lediglich die Umsetzung des demokratischen Kern-Versprechens der Piratenpartei.
-
Die SMV ist die wichtigste Reparatur unser vollständig kaputten Parteistruktur.
-
Die SMV würde unsere Partei erstmals seit der Mitgliederexplussion wieder handlungsfähig machen.
-
Die SMV würde erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik den Mitgliedern einer Partei ein mächtiges Tool zur dauerhaften Mitbestimmung in die Hand geben.
-
Die SMV ist die größte Chance die hohe Frustration von Vorstandsmitgliedern und einfachen Parteimitgliedern über Trolle und politische Extremisten aller Art in unseren eigenen Reihen effektiv zu begegnen.
-
Ohne eine SMV und damit ohne Hoffnung auf eine demokratische Parteistruktur ist für mich die Piratenpartei nicht nur vollkommen uninteressant, ich würde sie dann für sehr gefährlich halten. Ein Austritt wäre dann wohl unvermeidlich.
“International conference on youth participation in the digital society” - so verheißungsvoll heißt die Konferenz, für die ich gestern und heute als Redakteur schreibe und dokumentiere. Doch ich bin enttäuscht, Visionen oder zukunftsweisende Verheißungen sind mir bisher nicht begegnet. 

(Übernommen von einem anonymen Kommentar von netzpolitik.org)