Denkaholic

Texte mit Seele

Meine private Vorratsdatenspeicherung

Dass Google vieles über seine Nutzer weiß, ist uns ja bekannt. Doch was genau? Und wie fühlt sich das an?

Im Sommer letzten Jahres habe ich deshalb als kleines Experiment den Dienst “Webprotokoll” im Google Dashboard aktiviert. Google speichert seitdem für mich alle Suchanfragen mit und gewährt mir darauf Zugriff. 

In den letzten acht Monaten hatte ich die Funktion aktiv, jedoch vergessen, bis ich kürzlich wieder darüber stolperte. Als ich in die Daten hineinschaute, war ich vor der Informationsdichte sehr beeindruckt. Die Planung von Urlaubsreisen, die Suche nach Krankheiten, Ärzten, die Vorbereitung für Parteitage, die Namen von Freunden und Kritikern - alles tauchte wieder auf. Für jede Sucheanfrage lässt sich genau Datum und Uhrzeit ablesen. Ein Erfahrungsbericht: 

Fangen wir gleich praktisch an. Hier ein Beispiel für meine Suchanfragen für den 31. Januar 2012: 

In diesem Screenshot sind alle Such-Eingaben des Tages gespeichert. Blau die Suchanfragen, grün die tatsächlich geklickten Seiten. Rechts die jeweilige Uhrzeit. Spannend finde ich, dass Google offenbar auch die Zeit misst, die ich auf einer Suchergebnis-Seite verweile: “angehalten für mindestens 3 Sekunden ohne weiterzuklicken” (Gelbe Umrandung durch mich). 

Nicht angezeigt wird, mit welchem Computer (PC, Mac, iPhone, iPad) ich gesucht habe und wo ich mich dabei jeweils aufgehalten habe. Es ist ja bekannt, dass Google diese und viele andere Meta-Daten auch verarbeitet und - ich vermute - auch speichert. Zugriff habe ich darauf hier nicht.  

Meine Suchanfragen geben dabei durchaus ein nicht ganz falsches Bild meiner Aktivitäten an diesem Tag wieder. Ich hatte mich morgens nach dem Frühstück mit dem Landeschiedsgericht beschäftigt, um dann die Wohnung umfangreich aufzuräumen, da ein neuer Mitbewohner einzog. Erst um 20 Uhr ging ich wieder an den PC, um meinem neuen Mitbewohner aus Australien zu erklären, warum man in Deutschland keine YouTube-Musikvideos ansehen kann, und wie man das evt. umgehen könnte (“Proxy”). Etwas später diskutierten wir das Thema (legale) “Filme ausleihen”. Später habe ich eine Bewerbung für eine Zeitung geschrieben und nach einem Medienpodcast von Philip Banse gesucht. Bei der Landtagsabgeordneten “Susanne Graf” lief an diesem Abend ebenfalls eine Frist für Bewerbungen ab, über die ich mich als letzte Aktivität an diesem Abend noch einmal informierte. 

Und so kann ich über meine Google Suche fast jeden meiner Tage rekonstruieren - die letzten acht Monate. Fehlende Informationen lassen sich aus meinen Google Mails und Google Kalender Einträgen, sowie meine öffentlichen Twitter und Facebook Updates herauslesen. Post Privacy lässt grüßen… 

Und Google speichert nicht nur die Google-Hauptsuche, sondern auch die aller Unterdienste. So etwa:

Google Fotos: 

Alle Abfragen & angeklickte Fotos (ich hab mal unproblematische rausgesucht *augenzwinker*)  

Google News:

Alle Suchen & gelesene Artikel. Da ich primär über Twitter & Facebook meine Nachrichten zusammenstelle, eher überschaubar: 

Google Videos:

Offenbar bisher noch ohne YouTube, denn dort bin ich häufiger gewesen:

GoogleMaps: 

Hier musste ich sehr lange nach einem Bereich suchen, von dem ich Euch einen Screenshot zeigen kann. Denn ich wollte nicht die Adressen von Freunden veröffentlichen. Gerade die Google Maps Suche ist, so stellte ich fest, ein unglaublicher Quell der Daten. Nirgendwo kann man besser herausfinden, wo ich war, denn ich suche inzwischen fast alles über Google Maps… *puh* 

Google Ads:

Google speichert auch, welche Werbung ich angeklickt habe. Da ich einen Ad-Blocker verwende, sind das jedoch nicht sehr viele… 

Meta-Auswertung:

Google wertet dann auch alle Suchanfragen zusammen aus. Für jeden Monat gibt es eine Übersicht an welchen Tagen ich besonders viel gesucht habe und an welchen weniger. Hier lässt sich beispielsweise meine kleine Urlaubsreise vom 24.-26.1. nach Oslo sehr schön ablesen. 

Und zum Schluss erstellt Google eine Analyse meiner ganz persönlichen Top-Suchanfragen und der von mir danach meist angeklicktesten Websiten. Ganz oben steht - ganz der Egoist - die Suche nach meinem eigenen Namen. Überrascht bin ich, dass ich offenbar doch häufig auf das Datingportal “OkCupid” geklickt hab. (Die Nr. 10 Top-Suchanfrage musste ich hier aus juristischen Gründen schwärzen).

Ganz spannend finde ich dabei auch die Zeitanalysen. So ist meine durchschnittliche Google-Suchaktivität, seit ich meinen letzten Arbeitgeber Ende Oktober verlassen habe, deutlich zurückgegangen. Auch der nerd-typische Tagesablauf lässt sich aus meinen Suchaktivitäten deutlich ablesen.

Mein Suchanfragen-Gesamtarchiv lässt sich selbst auch wieder durchsuchen. So kann ich zum Beispiel genau nachvollziehen wie oft, wann genau und in welchem Kontext ich nach bestimmten Begriffen googelte. Alles sehr spannend - auch zur Selbsterkenntnis ;) 

Fazit: 

Ein Blick auf meine Suchaktivitäten der letzten acht Monate war wieder einer dieser “scary moments”, in denen ich bemerkte, wie leicht ich durch meine digitale Datenspur analysierbar bin. Sollte jemand Zugriff auf mein Google Account bekommen, würde er so ziemlich alles wissen, was mich in den letzten 8 Monaten interessiert hat. Alles. Unheimlich. 

Doch man muss es klar sagen: Webprotokoll ist ein rein optionaler Dienst, den man bei Google erst aktivieren muss. Allerdings ist es natürlich auch richtig, dass Google alle diese Daten immer speichert. Webprotokoll dient nur mir, um diese Daten auch zu lesen. Google hat sie selbstverständlich in jedem Fall - und mit ziemlicher Sicherheit deutlich mehr.

Kritik? Ich kann unmöglich kritisch gegenüber dem optionalen Feature Google Webprotokoll sein. Denn ich muss es ja nicht nutzen oder aktivieren. Im Gegenteil: Ich finde es mutig von Google dieses Feature überhaupt anzubieten, denn sie gewähren damit den Kunden eine Ahnung davon, was Google alles über den Kunden weiß, speichert und zusammenträgt. So gesehen begrüße ich, dass Google mir hier transparent zeigt, was sie wissen, und sie es möglicherweise an Geheimdienste und die deutsche Polizei weitergeben. 

Kritisch sollte man jedoch hinterfragen, ob Google solche Daten generell so lange speichern darf. Denn diese Daten sind für Ermittlungsbehörden erreichbar. Im letzten Jahr gab laut dem Google Transparenz-Bericht über 1700 Ermittlungsabfragen durch deutsche Behörden. Ich kenne zurzeit nicht die genaue Zahl an Monaten, die Google unsere persönlichen Daten speichert, aber ich hörte Zahlen zwischen 12 und 36 Monaten. Auch ein Missbrauch durch Google Mitarbeiter oder ein großer Hacker-Leak ist denkbar. Hier würde ich mir von Google wünschen, dass das Unternehmen den Nutzer die Entscheidung überlässt, wie lange diese diese Daten gespeichert wissen möchte.

Vom Gesetzgeber erwarte ich, dass Anbietern klare Maximal-Speicherdaten vorgeschrieben werden. Leider versucht die Politik in Europa mit der Vorratsdatenspeicherung tendenziell genau das Gegenteil. Mindest- statt Maximalspeicherung.  

Als Nutzer sollten wir uns noch stärker klar machen, dass Google und andere Suchmaschinen diese Daten speichert - über Cookie-Erkennung selbst wenn ihr kein Google-Nutzerkonto habt. Geht daher reflektiert mit Suchmaschinen um und nutzt notfalls Meta-Suchmaschinen wie www.ecosia.org

Und trotz aller Kritik werde ich selbst das “Web-Protokoll” vorerst weiter eingeschaltet lassen, da ich so wenigstens weiß, was Google so alles speichert. Falls ihr auch diesen Service nutzt, nutzt unbedingt ein sicheres Passwort, einen sicheren PC und nutzt mindestens die Google 2 Wege Authentifizierung.

  1. eliquidonlineshop hat diesen Eintrag von jabbusch gerebloggt
  2. von jabbusch gepostet
blog comments powered by Disqus